Place to be? Wie ich in Geisweid ein paar Bier trinken wollte und stattdessen in Las Vegas die Nacht meines Lebens verbrachte

Absurde Geschichten häufen sich heutzutage, so viel ist klar. Donald Trump wird US-Präsident, Fake-News beherrschen das Internet und Satireseiten werden von durchgeknallten (türkischen) Despoten mit Klagen überzogen. Auch ich gehörte bis vor kurzem zu den Menschen, die angesichts dieser Flut von Horrormeldungen mit dem Kopf schüttelten und abwinkten. Doch nun muss ich selbst eine verrückte Geschichte erzählen und ich bin dankbar, dass bierSiegen mir dazu eine Gelegenheit bietet. Ich garantiere Ihnen: Sie ist absolut wahr.

Ich habe lange versucht, diesen Abend vollständig zu rekonstruieren und konnte zunächst selbst nicht glauben, was mir da eigentlich passiert ist. Doch ich komme immer wieder zum einzig logischen Schluss: Ich wurde betäubt und nach Las Vegas verschleppt.

Klingt absurd? Ist es auch. Doch von vorne: Wie beinahe jeden Samstag war ich mit meinen Freunden in Siegen unterwegs, um nach einer harten Arbeitswoche einen schönen Abend zu verbringen. Da das Shamrock, unsere geliebte Stammkneipe, inzwischen geschlossen ist, gerieten wir an die verschiedensten obskuren Lokalitäten. Schickimicki-Bars, Studentenkneipen, schmuddelige Eckkneipen. Wir ließen nichts aus. Doch nach unserem nicht unerheblichen Bierkonsum wurde uns all das zu langweilig. Wir saßen gemeinsam auf einem Bordstein und überlegten, was wir tun könnten. Hausparty? Das Meyer? Nein, alles ausgelutscht. Einer unserer Begleiter hatte schließlich die verrückte Idee: Geisweid.

„Geisweid?“, hörte ich mich selbst und mindestens drei weitere ungläubig fragen. Doch die Argumente dafür waren überraschenderweise sehr einleuchtend: McDonald’s, Döner, Spielo und Bowlingbahn. Mehr Worte brauchte es nicht. Kurze Zeit darauf befanden wir uns in einer R10.

Ab hier wird meine Erinnerung verschwommen. Ich erinnere mich an mehrere Partyklopfer, einen schlafenden Fahrgast, der vom Sitz fiel und ignoriert wurde und einen Anschiss vom Busfahrer für das Hören von lauter „Kanackenmusik“. Schließlich stiegen wir wohl in Geisweid aus. Ich hörte noch jemanden „Geil zocken, lass mal zur Spaßkasse!“ rufen. Danach wurde alles dunkel.

Meine Erinnerung setzt wieder ein, als ich auf dem Asphalt liegend aufwachte, offenbar vor einer Erotik-Lokalität, denn alles war in rotes Licht gehüllt. Mit schweren Kopfschmerzen rappelte ich mich auf und erwartete, mal wieder diverse Knieverletzungen zu haben und mich in irgendeiner Siegener Gosse zu befinden. Doch als ich mich umsah, waren alle Katersymptome verschwunden. Ich befand mich am Rand einer hell erleuchteten Straße. Überall blinkte und blitzte es so hell, dass ich meine Augen zusammenkneifen musste. Als ich mich an die Helligkeit gewöhnt hatte, erkannte ich, wo ich mich befand. Ich stand inmitten der größten Ansammlung von Spielhallen und Casinos, die ich je gesehen hatte. Fasziniert irrte ich durch diese Umgebung, die aussah, als sei sie einem Comic entsprungen. Als ich meine Situation einigermaßen realisiert hatte, fiel mir allerdings das erste Problem auf. Wo waren meine Freunde? Ich versuchte mich mit aller Kraft, an den bisherigen Abend zu erinnern. Schließlich kam mir ein Satzfetzen in den Sinn: „Geil, zocken, lass mal zur Spaßkasse!“.

Messerscharf kombinierte ich. Sie mussten in einer der Spielhallen sein. Doch wo anfangen? Ich entschied mich, ganz einfach systematisch vorzugehen. Ich würde alle nacheinander abarbeiten müssen. Ich verlor also keine Zeit und begab mich geradewegs zum Eingang einer Spielhalle. Drinnen konnte ich zunächst niemanden sehen, doch es war auch eine recht große Halle. Als ich meine Rückenschmerzen vom langen Liegen auf Asphalt und meinen Durst bemerkte, entschied ich, erst mal ein Bier zu trinken. Ich begab mich also auf die Suche nach der Bar. Mein verbliebener Alkoholpegel war jedoch wohl immer noch höher, als ich dachte. Ich schwankte, stolperte über ein Schild und ging zu Boden. Kurz darauf stürzten sich zwei breit gebaute Security-Mitarbeiter auf mich und richteten mich auf. „Völlig besoffen…. Ab nach Hause…“, hörte ich sie murmeln. Schließlich wurde ich unsanft Richtung Ausgang bugsiert. Doch dann passierte es: Ich blickte zurück und sah auf dem Boden das Werbeschild, das ich umgeworfen hatte. Dort stand in großen roten Buchstaben:

„Welcome to fabulous….“

„Las Vegas!“, rief ich aufgeregt. „Jup, genau. Das hier ist Las Vegas“, sagte einer der beiden Security-Typen kopfschüttelnd. „Viel Spaß noch!“. Dann schubsten mich die beiden zur Tür hinaus.

Ich konnte es nicht fassen. Klar, ich war in Las Vegas. Wieso hatte ich das nicht gleich erkannt? Meine Gedanken kreisten. Wie war ich hierher gekommen? War ich betrunken versehentlich in ein Flugzeug gestiegen? Unmöglich. Mir blieb nur eine Erklärung: Jemand hatte es geplant. Ich sollte hier sein.

Jede Ambition, meine Freunde zu finden, war verschwunden. Erstens war es unwahrscheinlich, dass sie (wie auch immer) mit mir hier gelandet waren und zweitens wäre es selbst in diesem Fall beinahe unmöglich, sie in dieser riesigen Stadt zu finden.

Ich tat also das, was jeder getan hätte. Ich begab mich in die nächste Spielhalle und hatte eine unglaubliche Glückssträhne am Automaten. Ich trank immer mehr und freute mich darüber, wie freundlich mich die Amerikaner aufnahmen. Fast jeder sprach Deutsch mit mir und es wurde, so unglaublich es klingt, beinahe überall Erzquell ausgeschenkt. Der Himmel auf Erden.

Wie der Abend endete, kann ich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Ich erinnere mich an eine Busfahrt, während der ich vermutlich vom Sitz fiel und einfach ignoriert wurde. Wie gesagt, wirklich tolle Menschen in dieser Stadt. Tatsache ist (so weit ich bisher weiß), dass ich niemanden versehentlich geheiratet habe. Auch wurde ich leider nicht in einem 5-Sterne-Luxushotel wach.

Als ich aufwachte, sprang ich sofort auf und sah mich um. Doch was ich sah, war ernüchternd. Ich sah keine Casinos und Erotik-Etablissements. Stattdessen den mir viel zu gut bekannten alten Weidenauer Busbahnhof. Wie viel Uhr war es? Welcher Tag? Ich suchte nach meinem Handy, konnte es aber nicht finden. Also sprach ich eine ältere Dame im Zeitungskiosk an, die gerade dabei war, die Deutsche Nationalzeitung zu lesen. Ich fragte sie, wie spät es sei, doch die Antwort war ernüchternd: „Junge, wenn de dat net weißt musste aufhören, so viel zu saufen. Un mach doch ma die Kanackenmusik aus!“. “Ach da ist mein Handy…”.

So begab ich mich nach Hause in meine Wohnung, legte mich ins Bett und schlief sofort ein. Als ich aufwachte, war mein Mitbewohner dabei, die Küche aufzuräumen. Ich begann zu erzählen, was mir passiert war, doch er lachte mich aus und sagte, ich müsse in Zukunft deutlich weniger saufen.

So beschloss ich, diesen Text zu schreiben, um der Welt meine Geschichte zu erzählen. Ich versichere Ihnen, diese Geschichte ist nicht erfunden. Auch wenn sie mir nie jemand glauben wird.