Digitale Selbstjustiz: Nach Parallelrealität nun virtuelle Realität für besorgte Bürger?

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Die Emotionen kochten hoch im Fall Marcel H. Hunderttausende Bürger verfolgten die Ermittlungen im Radio, im Fernsehen oder im Internet. Tausende bekundeten ihre Betroffenheit und Anteilnahme für die Familien. Viele wünschten sich nachvollziehbarer Weise eine schnelle und harte Verurteilung.

Weiter gingen jedoch einige „besorgte Bürger“ auf einschlägigen Facebook-Seiten. Hier wurde noch vor der Ergreifung des Täters zur Selbstjustiz aufgerufen. Selbsternannte Ordnungshüter forderten die Menschen dazu auf, nicht die Polizei, sondern stattdessen obskure „Bürgerwehren“ zu verständigen. Manche erklärten, Marcel H. eigenhändig lynchen zu wollen.

Nach der Ergreifung des Täters wurden die Kommentare leider nicht durchdachter. Kommentare, in denen H. der „härteste Knastalltag“ gewünscht wurde, gehörten noch zum menschlichsten, was man im Internet lesen konnte. Einige „besorgte Familienväter“ bedauerten, Marcel H. „nicht selbst in die Finger bekommen zu haben“, andere forderten gleich die Wiedereinführung der Todesstrafe oder äußerten den Wunsch, H. solle “geschächtet” werden. Eines wird hier klar: Viele Menschen sind offenbar bereit, nicht nur ihren Verstand, sondern auch alle Werte und jede Form von Menschlichkeit ohne nachzudenken über Bord zu werfen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Könnte dies ein Problem für die Gesellschaft werden? Und wenn ja: Was kann man dagegen unternehmen?

Die Polizeigewerkschaft Nordrhein-Westfalen liefert Antworten. „Ja, wir glauben, dass diese Einstellungen, die im Netz geäußert werden, ein großes gesellschaftliches Problem darstellen.“, erklärt Erich Rettinghaus, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft NRW. „Durchgeknallte Wichtigtuer oder offensichtliche Feinde des Rechtsstaates verbreiten unter dem Deckmantel „des besorgten Bürgers“, der sich nicht mehr auf die Straße traut, unmenschliche Hetze. Das ist natürlich nicht gut. Dennoch müssen wir die Sorgen und Nöte dieser Menschen ernst nehmen.“

Daher unterbreitet die Polizeigewerkschaft NRW einen möglicherweise revolutionären Vorschlag. Die moderne Technik macht es möglich. In Zukunft sollen Bürger mit besonders hohem Risiko von (leider nicht immer altersbedingtem) Hirnausfall, wie es intern bei der Polizei heißt, mit speziellen Virtual-Reality-Brillen ausgestattet werden. Auf diesen soll eine spezielle Software installiert werden, mit der die Menschen dann virtuell ihre Aggressionen und sonstigen Fantasien ausleben können.

Wir fragten Rettinghaus nach einem Beispiel: „Nehmen wir zum Beispiel den Fall Marcel H.: Die VR-Brille würde dann einen Raum simulieren, in der sich der Nutzer der Brille gemeinsam mit dem Täter befindet. Der Nutzer hätte dann alle Möglichkeiten, mit dem Täter so zu verfahren wie er möchte. Ob beleidigen, anspucken, schlagen, mit Gegenständen schwer verletzen oder töten (auch mehrfach), alles ist möglich. Der Nutzer kann seinem Hass freien Lauf lassen. Mit diesen Brillen können die Bürger ihre Fantasien ausleben und wir sind rechtsstaatlich auf der sicheren Seite. Eine Win-Win-Situation.“

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Eine Probandin beim virtuellen Anschreien von Marcel H.

Das Gute: Die Brille ist nicht auf einen einzigen Anwendungsfall limitiert. „Wenn es einen neuen Fall gibt, der die Öffentlichkeit beschäftigt, erhält die Brille ein automatisches Softwareupdate mit dem Gesicht des aktuellen Täters. „Die meisten können sich sowieso nur über einen einzigen Fall gleichzeitig aufregen. Von daher ist dieses Konzept einfach und effektiv.“, erklärt Rettinghaus.

Ab wann sollen die Brillen eingesetzt werden? Und: Welche Bürger sollen überhaupt eine erhalten? Hier war Rettinghaus sich noch nicht ganz schlüssig. „Ob und wann unsere Idee umgesetzt werden kann, hängt insbesondere auch davon ab, was das Innenministerium dazu sagt. Wer eine Brille bekommen soll? Ich denke, wir werden da nach mehreren Kriterien gehen. Zum einen gehören natürlich insbesondere Menschen zum engeren Kreis, die in der Vergangenheit häufig mit öffentlichen Aufrufen zur Selbstjustiz aufgefallen sind. Wir denken aber auch an Menschen mit irrationalen Ängsten, beispielsweise vor No-Go-Areas oder kriminellen Flüchtlingen in NRW.“

Klingt einleuchtend. Die Brillen könnten also möglicherweise auch Polizei-Intern zum Einsatz kommen.

Kritik kommt vor allem von den Grünen. „Pädagogisch ist dieser Ansatz nicht zu verantworten.”,  so Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung sowie stellvertretende Ministerpräsidentin.  “Außerdem würden auf diese Weise rechtsfreie Räume geschaffen. Dies lehnen wir konsequent ab.”

Eines ist klar: Die Polizeigewerkschaft NRW schläft nicht. Sie hat die technischen Möglichkeiten unserer Zeit erkannt und einen nie da gewesenen und in jedem Fall diskussionswürdigen Vorschlag unterbreitet. Wie denken Sie darüber? Diskutieren Sie mit uns auf Facebook oder hier auf bier-siegen.de. Wir freuen uns wie immer auf Ihre Meinung.