Demographisch gelenkte Demokratie oder: Ficken fürs Wahlrecht(?)

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Eine Forderung von Ex-Familienministerin Renate Schmidt und dem Deutschen Familienverband sorgte vor einigen Wochen für großen Wirbel. Unter dem Titel “Nur wer wählt, zählt” wurde für das Wahlrecht ab Geburt geworben. Der Grund? Der Verband hält es für undemokratisch, dass “13 Millionen Bundesbürger nicht wählen dürfen, weil sie unter 18 sind.”

Auch in den Reihen der CDU Siegen-Wittgenstein findet diese Idee einige Unterstützer, wenn auch aus anderen Motiven. Wir sprachen mit dem Sprecher der Unterstützergruppe, Reiner U.

Sie unterstützen eine Forderung des Deutschen Familienverbandes nach einem Wahlrecht auf Geburt. Diese Idee wird insbesondere von Renate Schmidt, einer SPD Politikerin, unterstützt.

Ja.

Der Verband hält es für undemokratisch, dass Minderjährige nicht wählen dürfen. Sie auch?

Nein.

Aha. Dann stimmen Sie in diesem Punkt mit den vielen Kritikern überein, die die Idee für völlig schwachsinnig halten? 

Dieser Punkt ist mir relativ egal. Mehr demokratische Mitbestimmung ist mit Sicherheit kein Anspruch, den die CDU verfolgt.

Und trotztdem unterstützen Sie die Forderung?

Ja.

Kritiker bezeichneten die Forderung als albern und scheindemokratisch, weil die Kinder nicht wirklich selbst wählen könnten, sondern dies von ihren Eltern übernommen würde, bis sie selbst dazu in der Lage wären. Warum also unterstützen Sie den Vorschlag, obwohl sie die Problematik anerkennen?

Problematik? Wir sehen das nicht als Problematik, sondern als große Chance, das Aussterben des deutschen Volkes zu verhindern.

Sie meinen….

Stellen Sie sich das doch mal vor: Ein junges Ehepaar entscheidet sich gegen Kinder wegen des stressigen Jobs und der wenigen Zeit. Es gibt da viel zu wenige Anreize. Für politisch interessierte Menschen wäre dies sicher eine Option. Wenn das Kind ein Wahlrecht ab Geburt hat, kann man bei der nächsten Wahl gleich zwei Mal seine Stimme abgeben. Und manche wollen vielleicht auch drei oder vier Stimmen haben. Dementsprechend viele Kinder müssen dann gezeugt werden.

Aber die Forderung wird doch begründet mit mehr Demokratie und Mitbestimmung für die Kinder und die Eltern sollen im Namen des Kindes eine Partei wählen, die seine Interessen am besten vertritt.

Gut, diese Begründung ist natürlich abenteuerlich. Kein Mensch nimmt das ernst. Die Leute würden natürlich ihre eigene favorisierte Partei wählen. Das klingt sicher nett für irgendwelche esoterischen Öko- … ach Sie wissen schon, aber, wie gesagt: Das kann nicht unser Anspruch sein. Es gibt genug andere Parteien, die den unerträglichen Linksruck mitgemacht haben, da muss die Siegener CDU nicht auch noch mitmachen.

Das klingt, mit Verlaub, etwas merkwürdig. Sollte man sich nicht aus anderen Gründen für das Kinderkriegen entscheiden?

Sie meinen das Kindergeld? Das reicht ja offensichtlich nicht. Demographisch gelenkte Demokratie, das ist die Lösung für das Problem.

Oder demokratisch gelenkte Demographie?

Je nachdem, wie man es betrachtet, ja.

Ist es nicht völlig undemokratisch, das einige Menschen dann mehr Stimmen haben, als diejenigen, die keine Kinder haben?

Bei all den anderen Änderungen am Wahlrecht ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Außerdem: Wieso undemokratisch? Es steht doch jedem offen, sich für das Kinderkriegen zu entscheiden.

Es gibt Menschen, die das nicht (mehr) können aufgrund von Erkrankungen oder weil sie zu alt sind. Und was wäre ihr Vorschlag, um beispielsweise Homosexuelle von dieser Idee zu überzeugen?

Die dürfen wählen? Naja, dann sollen die halt Kinder adoptieren oder so.

Dürfen sie nicht, dank der CDU. Aber okay, lassen wir das … Glauben Sie denn, dass Sie innerhalb Ihrer Partei viel Zuspruch mit dieser Argumentation ernten können?

Ich hoffe, dass sich diese Forderung von uns auch auf höherer Ebene durchsetzen wird. Eventuell können wir damit sogar noch dieses Jahr in den Bundestagswahlkampf ziehen. Solche Ideen sind schließlich nichts neues bei uns. Außerdem rechne ich fest mit der Unterstützung der CSU in dieser Sache. Dazu kommt noch, dass unsere Partei sehr von einem solchen Gesetz profitieren würde. Seien wir mal ehrlich: schließlich gehören unsere Wähler zu den wenigen, die es sich überhaupt noch leisten können, Kinder großzuziehen. (Lacht.)

Man wundert sich schon fast, dass Ursula von der Leyen diese Idee nicht schon vor Jahren geäußert hat. Wie dem auch sei, vielen Dank für das Gespräch, Herr U.

Gerne.